Steuerreform 2016 in Österreich

Die kommende Steuerreform gehörte schon seit langer Zeit zu den Pflichtaufgaben dieser Regierung. Am 30. Juni gab es dazu endlich eine Mehrheit im Nationalrat, aber trotzdem stellen sich noch viele Fragen zu der kommenden Steuerreform.

Die Opposition kritisiert die Änderungen stark und die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP wollen in Detailfragen einlenken, aber die genauen Anpassungen bleiben weiterhin geheim. Wir wollen in diesem Beitrag die wichtigsten Fragen zur kommenden Reform stellen und entsprechenden Antworten dazu liefern. So wird vielleicht etwas mehr Klarheit für den Normalbürger geschaffen.

Was sind die Ziele?

Das vordergründige Ziel der Steuerreform besteht in der Senkung der Abgabenquote. Die Österreicher und Österreicherinnen sollen mehr Geld in der Tasche haben um damit den Konsum und die Wirtschaft anzukurbeln. Da die Alpenrepublik zu den Spitzenreitern in der EU bezüglich der Abgabenquote gehört und gleichzeitig ein Schlusslicht bei der Wirtschaftsentwicklung darstellt, kann dieses Ziel wahrlich als überfällig angesehen werden. Doch letztlich wirft diese Antwort nur weitere Fragen auf.

Wie erfolgt die Finanzierung?

Die SPÖ schreibt es sich groß auf die Fahnen, dass diese Steuerreform großteils von den wohlhabenden Bürgern refinanziert wird. So steigt der Steuersatz für Spitzenverdiener ab einer Millionen Euro pro Jahr auf 55 Prozent. Die Kapitalertragssteuer auf Wertpapierspekulationen und Dividenden, sprich Unternehmensanteile, steigt um 2,5 Prozentpunkte während die Sparbücher geschont werden soll, um die Wählerschicht der Pensionisten nicht zu verärgern.

Ziel der Steuerreform: Weniger Belastungen

Ziel der Steuerreform: Weniger Belastungen

Die Spekulation mit Immobilien soll ebenfalls stärker besteuert werden (30 %) und bei Erbschaften und Schenkungen von Grundstücken ab einem gewissen Wert (€ 400.000) werden zukünftig ebenfalls 1,5 % mehr vom Staat verlangt. Zusätzlich sollen Abschreibungsmöglichkeiten verringert werden und Einsparungen in der Verwaltung sollten eine Milliarde refinanzieren.

Zu all diesen Punkten gibt es Schätzung bezüglich der Einnahmen, aber ob diese wirklich eintreffen, kann nur die Zukunft zeigen. Das betrifft ebenfalls die Prognosen bezüglich der steigenden Wirtschaftsentwicklung, die zu mehr Steuereinnahmen führen sollen.

Zusätzlich können wohlhabende Menschen jetzt schon ihr Vermögen in Sicherheit bringen bzw. verschenken und Verwaltungsreformen sind immer zweifelhaft bezüglich ihrer Einsparungen. So kritisieren mehrere Parteien höchstwahrscheinlich zurecht die vorhandenen Refinanzierungspläne.

Wie sollen durch die Reform Arbeitsplätze geschaffen werden?

Neben der Steigerung der Kaufkraft soll ein Standort-Paket in der Höhe von 200 Millionen Euro die Unternehmen stärken und damit die Arbeitsplatzsituation verbessern. Im Gegensatz dazu stehen die hohen Gesamt-Arbeitsabgaben, welche für Arbeitgeber unverändert bleiben.

Zusätzlich belastet die Erhöhung der Steuern auf Grundstücksschenkungen bzw. Erbschaften den Tourismus als bedeutende Sparte sehr stark. Die 200 Millionen Hilfspaket für den Standort Österreich könnten also nur einem Tropfen auf den heißen Stein gleichen.

Gute Zukunftsaussichten & neue Jobs dank Reform

Gute Zukunftsaussichten & neue Jobs dank Reform

Wie werden Familien  gefördert?

Der Kinderfreibeitrag wird auf den doppelten Wert von 440 € angehoben. Damit wird die Beitragsgrundlage für die Bemessung der Einkommenssteuer verringert und die Chance erhöht, dass die Arbeitnehmerveranlagung zu einem finanziell erfreulichen Anlass wird.

Wie wird die Kaufkraft der Österreicher erhöht?

Die Budgets der Österreicher und Österreicherinnen sollen über die entsprechenden Senkungen der Steuersätze eine Erhöhung erfahren. So werden voraussichtlich die folgenden 6 Lohnsteuerstufen eingeführt:

  • Alle Einkommen bis € 11.000 jährlich werden nicht besteuert
  • Lohnzahlungen zwischen € 11.000 und € 18.000 jährlich werden mit 25 % besteuert
  • Wer zwischen € 18.000 und € 31.000 verdient, zahlt 35 % Steuern
  • Einnahmen zwischen € 31.000 und € 60.000 sind mit 42 % steuerpflichtig
  • Jährliche Verdienste zwischen € 60.000 und € 90.000 bezahlen 48 Prozentpunkte
  • Der frühere Spitzensteuersatz von 50 % wird zwischen € 90.000 und € 1.000.000 jährlich veranschlagt
  • Ab € 1.000.000 sollen in Zukunft 55 % gezahlt werden

Gerade geringe Einkommen sollen damit geschont werden. Ob diese Schritte ausreichend sind, muss jedoch bezweifelt werden, denn gerade Geringverdiener zahlen oft einen Teil des Arbeitgeber-Anteils mit, wie dieser Beitrag anschaulich beschreibt.

  • Entlastungsrechner zur Steuerreform 2016: Für alle, die die Veränderung der Steuersätze bzw die Entlastung berechnen wollen bietet das BMF auf http://onlinerechner.haude.at/bmf/brutto-netto-rechner_Entlastungsrechner.html einen Rechner an. Die Ersparnis für einen Angestellten in Wien bei einem Brutto Bezug von 2000 € monatlich liegt beispielsweise bei 73,51 € monatlich. Somit erhalten Sie je nach Einkommen mehr Netto Gehalt.

Warum wird das Bankgeheimnis diskutiert?

Die Regierung plant viele Maßnahmen zur Bekämpfung von Steuerbetrug um damit ebenfalls teilweise die Reform zu refinanzieren. Dazu wäre jedoch eine Lockerung des Bankgeheimnissen notwendig und nicht nur die FPÖ kritisiert diese Pläne mit großen Nachdruck.

Welche Kritiken werden allgemein von Parteien und Instituten angeführt?

Oppositionsparteien aber ebenfalls Stimmen aus den Wirtschaftswissenschaften kritisieren viele unterschiedliche Punkte und neben den bereits hier angeführten Beispielen findet sich in diesem Beitrag auf bruttonetto-rechner.at eine genauere Auflistung.

Was wird unter kalter Progression verstanden?

In vielen Kritiken wird dieser Begriff erwähnt. Das Verständnis der Inflation spielt bei der Erklärung eine bedeutende Rolle. Die Inflation beschreibt die Minderung der Kaufkraft. Da Produkte stetig teurer werden, verringert sich zunehmend der Reallohn. Es können also immer weniger Waren und Dienstleistungen für eine gegebene Lohnsumme erworben werden. Damit das Niveau des Reallohns gehalten wird, muss der Nominallohn erhöht werden.

Wichtig: Die tatsächliche Kauftkraft (Reallohn)

Wichtig: Die tatsächliche Kauftkraft (Reallohn)

Arbeitnehmer verdienen also beispielsweise in einem Jahr € 1.600 anstatt € 1.400 im vorigen Zeitraum, um sich damit so viel kaufen zu können, wie sie dies früher mit € 1.400 konnten. Durch diese ständig notwendige Anpassung kann es aber passieren, dass Personen in eine höhere Lohnsteuerklasse fallen, obwohl sie unter dem Strich nicht mehr verdienen, da sie nicht mehr dafür einkaufen können. Das österreichische Steuersystem richtet sich aber nur an den Nominallöhnen und nicht an den Reallöhnen.

Quelle: http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/1596579/Kalte-Progression-frisst-Lohnerhohungen-auf

Zusätzlich ist der Effekt ebenso innerhalb einer Lohnsteuerstufe bemerkbar, wenn eine Erhöhung des Bruttolohns kaum beim Nettolohn ankommt.

Wie zerstört die kalte Progression die Effekte?

Obwohl es auf den ersten Blick für Geringverdiener positiv erscheint, dass bis € 18.000 pro Jahr nur 25 % Steuern gezahlt werden müssen, kann sich dies schnell ändern.

Schon in einigen Jahren können Personen mit einem Jahresverdienst von mehr als € 18.000 zu den Geringverdienern gehören, da diese Lohnsumme gerade einmal ausreicht um in der Zukunft so viel zu kaufen, wie heute für einen Geldwert von € 18.000 erworben werden kann. Schon fallen Geringverdiener wieder in den Steuerbereich von 35 Prozent. Die „große“ Steuerreform wäre schon verpufft. Das gilt ebenfalls für Arbeitnehmer mit höheren Löhnen (nur in zunehmend geringerem Ausmaß).

Wie kann die Steuerreform 2016 bewertet werden?

Da es keine strukturellen Änderungen im Steuersystem gibt und die Refinanzierung auf sehr wackeligen Beinen steht, müssen die wesentlichen Kritikpunkte der Gegner als wahrheitsgetreu angesehen werden.

Zudem sind die Änderungen an den Lohnsteuerstufen durch die kalte Progression mehr eine unzureichende Notwendigkeit als ein Geschenk. Grundsätzlich handelt es sich zwar endlich um etwas Bewegung in diesem Bereich, aber als Erfolg kann die geplante Steuerreform noch nicht gesehen werden. Um so weit zu gehen, müssten noch wesentliche Nachbesserungen erfolgen.

Wie könnten die Maßnahmen verbessert werden? – 2 Vorschläge!

Es könnten verschiedene Arbeitsabgaben, wie die Wohnbauförderung, gestrichen werden und diese werden stattdessen über die Steuereinnahmen und nicht mehr von den Arbeitgebern finanziert. Dies erhöht den Anreiz Arbeitsplätze zu schaffen und trägt der sich ändernden Arbeitswelt Rechnung, da immer mehr Österreicher und Österreicherinnen ihr Einkommen durch selbständige Tätigkeiten als EPUs bzw. freie Dienstnehmer erzielen.

Eine regelmäßige Anpassung der Grenzbeträge sollte in der Steuerstruktur vorgesehen werden. Nur so kann der kalten Progression entgegen gewirkt werden ohne dass dies ständig als größte Steuerreform der Zweiten Republik verkauft werden muss. Die Anpassung könnte gemäß der Inflationsentwicklung und der Entwicklung der Wirtschaftskraft Österreichs erfolgen.

Deine Meinung ist uns wichtig

*